können. Dazu muss man interdisziplinär aufgestellt sein. Komplexe Zusammenhänge zu verstehen und dabei das große Ganze – wie z.B. ‚versteckte‘ globale Ungerechtigkeiten – zu sehen, hat mich schon immer motiviert. Das Fraunhofer IZM forscht zu großen Teilen an Mikroelektronik. Dafür haben wir große Rein- räume und erzeugen einiges an Elektronik – und somit ja auch irgendwann Elektroschrott. Wie passen Elektronik und Umweltschutz für dich zusammen? Im Rahmen meiner Masterarbeit bin ich das erste Mal in die Tiefen des Themas Nachhaltigkeit und Elektro- nik eingestiegen. Bei der Recherche ist mir bewusst geworden, dass Elektroschrott, beziehungsweise E-Waste, ein großes Problem ist. Selbst bei längerer Benutzung wird jedes elektronische Gerät irgend- wann Elektroschrott. Wir müssen besser mit unseren Elektronikgeräten umgehen und den Wert sekundä- rer Rohstoffe in ihnen erkennen, denn so schnell wie wir gerade unsere Geräte austauschen, werden wir irgendwann in unserem Müll ersticken. Deswegen muss man Elektronik und Umweltschutz auf jeden Fall zusammen denken. Dieser Aspekt hat mich dann auch letztlich in die Umweltabteilung des Fraunhofer IZM geführt, wo wir an verschiedenen Fronten versuchen, beide Dinge zusammen zu betrachten. Und wie sieht dein Arbeitsalltag jetzt am Fraunhofer IZM aus? Zur Leitung von einem Projektkonsortium gehören auch immer viele organisatorische Dinge, hier am Ins- titut habe ich also eher viel Büroalltag. Für die inhaltli- che Arbeit versuche ich mir größere Blöcke zu setzen. Momentan arbeiten wir uns gerade in eine Software ein, mit der man verschiedene Umweltparameter zur Ökobilanz von Kunststoffprozessen berechnen kann. Dazu modelliert man in der Software alle Energie- und Materialflüsse, um beispielsweise den CO2-Fußabdruck oder den Wasserverbrauch zu bestimmen. Für den praktischen Aspekt sorgen Besuche bei den Recyclern vor Ort, um die Prozesse besser zu ver- stehen, aber auch die Firmen und ihre Bedürfnisse kennenzulernen. Gerade wenn man mit Menschen in Kontakt kommt, empfinde ich es in Forschungs- projekten besonders bereichernd. Außerdem macht es mir immer wieder Spaß, mich beim Organisieren von Events oder bei Präsentationen auf Konferenzen mit anderen Expert*innen auszutauschen. Das Bild einer Forscherin oder Wissenschaftlerin, die im Kittel im Labor steht, ist nicht immer zutreffend. Sie haben auch viele andere Aufgaben, und mein Labor ist die Welt. Was findest du ganz persönlich sinnstiftend? Was sind Erlebnisse am Tag, nach denen du stolz auf dich und dein Team nach Hause gehst? Ich finde es vor allem spannend, bei EU-Gesetzgebun- gen mitzuwirken, weil ich dort am meisten Wirksam- keit spüre. Zu Beginn hätte ich nicht gedacht, dass mich das so sehr interessieren wird, aber bei der Arbeit am Fraunhofer IZM ist mir aufgefallen, wie sehr man am Hebel sitzt und Richtungen wirksam mitbestim- men kann. Viele Sachen werden nur umgesetzt, wenn der Gesetzgeber sagt: »So muss es sein.« Im Herzen bin ich aber trotzdem eine Idealistin und würde mir wünschen, dass es nicht immer übers Gesetz gehen muss. Ich fand es auf meinen Stationen oder auch bei unse- ren Besuchen bei den Projektpartner*innen im Aus- land interessant, wie unterschiedlich Abfall und insbe- sondere E-Waste in der Welt gesehen wird. Abfall ist sehr subjektiv und der ökonomische Faktor ist oft der Knackpunkt. Dabei kann Abfall eine Ressource sein! Mit unseren Projekten möchten wir einen Perspektiv- wechsel bewirken und ein Bewusstsein für die Materi- alien und Rohstoffe schaffen. Was sind deine beruflichen und privaten Ziele? Mein nächstes größeres Ziel ist es, mich noch mehr weiterzubilden. Gerade habe ich eine Schulung zur Lebenszyklusanalyse absolviert, und das hat meine Arbeit sehr bereichert. Außerdem freue ich mich darauf, bald auf Konferenzen mit einem Kollegen die Ergebnisse unserer Ökobilanz der Kunststoffrecycling- prozesse zu präsentieren. Besonders spannend finde ich dabei, wie die Expert*innen reagieren und mich auszutauschen. Generell ist es mir wichtig, Wissen zu teilen. Umweltbildung finde ich super interessant! Und privat: nach wie vor meinen Beitrag leisten. 13