Alle Jahre wieder – ein Neugerät

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Langlebige Geräte werden gewünscht aber nicht behalten

13. Dezember 2019

Alle Jahre wieder – ein Neugerät

In der Adventszeit boomt auch der Elektronik-Handel und unter vielen Weihnachtsbäumen wird das neueste Smartphone-Modell oder der LED-Fernseher mit noch größerer Bildschirmfläche liegen. Insbesondere zu Weihnachten und vor allem bei Geschenken aus dem Entertainment- oder IKT-Bereich ersetzt das neue oftmals ein noch funktionsfähiges Gerät. Der Kauf ist nicht aus der Notwendigkeit begründet, ein funktionierendes Gerät zu benutzen, sondern daraus, sich und seinen Liebsten etwas Gutes zu tun. Und da ist das Neueste vom Neuen gerade gut genug. Die Lebens- oder Nutzungsdauer von Konsumgegenständen wird aber auch außerhalb der Weihnachtszeit nicht immer von dessen technischen Eigenschaftes begrenzt. Welchen Einfluss Konsument*innen auf das Leben der Geräte haben, wie wichtig lange Haltbarkeit von Gebrauchsgegenständen im Vergleich zum neuesten technischen Stand ist und welche Rolle Reparatur von Geräten spielt, damit hat sich eine aktuelle Umfrage der TU Berlin und des Fraunhofer IZM befasst.

Lange Produktlebensdauern – ökologisch relevant und sozial erwünscht

Moderne Elektronikgeräte werden mit einem hohen Einsatz von Ressourcen und einem erheblichen Ausstoß von Emissionen hergestellt. Je länger sie leben, desto eher rechtfertigen sich diese ökologischen Kosten, desto besser ist die Ökobilanz eines Geräts. Werden Konsument*innen nach ihren Einstellungen und Absichten gefragt, gibt es Anlass zur Hoffnung für die Ökobilanz, denn Geräte möglichst lange zu nutzen ist sozial erwünscht. Dies ergab eine aktuelle Repräsentativerhebung des Fachgebiets für Transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung in der Elektronik an der TU Berlin und des Fraunhofer IZM. Im Rahmen der Studie untersuchte die Forschungsgruppe „Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit“ Erwartungen und Erfahrungen mit Nutzungs- und Lebensdauern bei Elektronikprodukten, insbesondere Smartphones und Waschmaschinen. Das Gros der Bevölkerung (67%) fühlt sich verpflichtet, Geräte möglichst lange zu nutzen, will damit einen Beitrag zur Umwelt leisten (73%) und hält Langlebigkeit von Geräten für einen wichtigen gesellschaftlichen Wert (57%).

Die berichteten Nutzungsdauern für Geräte –bezogen auf das zuvor besessene Gerät – zeigt, dass es möglicherweise auch einen Trend in Richtung längerer Nutzung geben kann. So zeigt ein Vergleich mit einer Befragung der TU Berlin von 2017, dass sich die Nutzungsdauern von Smartphones leicht erhöht haben. Wurde ein Smartphone in 2017 noch im Schnitt 2,3 Jahre genutzt sind es nun 2,7 Jahre. Dennoch ist der Grund für den Neukauf in vielen Fällen nicht das kaputte Altgerät: 67% kaufen ein neues Smartphone und 35% eine neue Waschmaschine, obwohl das alte Gerät noch funktioniert. Die Gründe dafür sind vielfältig, ein Vergleich der Geräte macht deutlich: Vor allem bei Smartphones gibt es einen starken Wunsch, Up-to-date zu sein und die Verlockung neuer Angebote.

Newism – Der Glaube, das Neue ist besser als das Alte

Als „Newism“ wird der Glaube daran bezeichnet, dass das Neue besser ist als das Alte. Das Neue wird als begehrenswert betrachtet, es gilt als sozial anerkannt und vermittelt positive Gefühle. Den Wunsch nach etwas Neuem und die hohe Bedeutung von Neuartigkeit wertet den Neukauf gegenüber der Weiternutzung auf.

Insbesondere bei Smartphones werden mit Neugeräten auch technologische Weiterentwicklungen verbunden. Die Mehrheit der Befragten (54%) hat sich ein neues Smartphone gekauft, weil neue Modelle leistungsfähiger sind. Aber ein Neugerät bereitet vielen auch einfach Freude (48%), ein Drittel lässt sich von neuen Modellen locken und nicht zuletzt hat auf ein Fünftel auch der Freundeskreis eine Wirkung. „In der materiellen Kultur unserer Gesellschaft hat Neuheit einen hohen Wert.“ erläutert Prof. Melanie Jaeger-Erben, die Leiterin der Forschungsgruppe. „Viele halten den rasanten Technologiewandel für unvermeidlich und durch die neuesten Geräte können Menschen zeigen, dass sie mithalten können. Diese Orientierung wird durch strukturelle Erleichterungen für den Neukauf und Hemmnisse für die Verlängerung der Nutzung verstärkt.“

Die normative Kraft der Strukturen

Der Kontext der Handlung oder die strukturellen Bedingungen können einen großen Einfluss entfalten: Welche Handlungsweisen werden erleichtert, welche erschwert? In welche Richtung wird „gestupst“? Ein neues Smartphone ist beispielsweise bei 37% als Teil eines Vertrags mit dem Netzbetreiber zur Verfügung gestellt worden, ein Drittel hat sich durch ein günstiges Angebot zum Neukauf motivieren lassen. Wenn etwas unerwartet kaputtgeht, ist es bei einer Reihe unterschiedlicher Geräte für die meisten Menschen normal und das Einfachste, sich direkt ein neues Gerät zu kaufen. Nur bei einigen Geräten, wie der Waschmaschine oder dem Fernseher prüft immerhin ein Drittel die Option einer Reparatur, nur die wenigsten versuchen erst mal ohne das Gerät auszukommen. Die geringe Reparaturrate kann auch damit zusammenhängen, dass nur 40% der Befragten angeben, dass sie keinen Reparaturanbieter in der Nähe haben. Ein Neugerät ist dank Online-Handeln hingegen immer und jederzeit verfügbar.

Zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Die eigenen Einflussmöglichkeiten auf nachhaltige Nutzungsdauern

Geräte lange zu behalten und zu nutzen kann als soziale Norm bezeichnet werden. Fast drei Viertel der Befragten gibt zudem an, dass bereits ihr Elternhaus sie gelehrt hat, Geräte lange zu nutzen. Ein Vergleich der verschiedenen Altersstufen zeigt jedoch, dass der Einfluss dieser Norm möglicherweise nachlässt: Während über 60jährige hier noch zu 84% zustimmen, sind es bei den 18-29Jährigen nur die Hälft der Befragten. 28% der Befragten zwischen 18 und 29 bekommt diesen Wert nur teilweise vermittelt, 24% gar nicht. Auch das Wissen über die Wartung und Reparatur von Geräten wurde eher in den Elternhäusern der älteren Generationen vermittelt. So kann es dazu kommen, dass im Mittel nur ein Drittel angibt, gut zu wissen, wie das eigene Smartphone und die Waschmaschine so gepflegt und gewartet werden können, damit sie länger halten. Auch weitere Einflussmöglichkeiten, wie selbst ein Gerät zu reparieren oder über Reviews oder Chat-Foren im Internet seine Bedürfnisse an ein Gerät zu formulieren, machen nur die wenigsten Befragten. Als vorläufiges Fazit betont Prof. Jaeger-Erben: „Um einen nachhaltigeren Konsum von Elektronikgeräten zu fördern, braucht es keine Appelle an das Gewissen oder Verantwortungsgefühl. Vielmehr gilt es, die Handlungskosten für längere Nutzungsdauern zu verringern. Die Erleichterung von Reparatur sowie bessere und praktischere Möglichkeiten der Pflege und Wartung sind zwei Möglichkeiten unter vielen, Hemmnisse abzubauen und die Wertschätzung des Gebrauchten zu erleichtern.“

Informationen zum Studiendesign

Repräsentative persönliche Interview-Befragung von 1.000 Personen ab 18 Jahren, durchgeführt im Sommer 2019. Die Studie gehört zur Forschungsarbeit der Nachwuchsforschungsgruppe „Obsoleszenz als Herausforderung für Nachhaltigkeit – Ursachen und Alternativen“, einem Verbundvorhaben der TU Berlin und dem Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration. Gefördert wird die Gruppe vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen des Themenschwerpunkts der Sozial-ökologischen Forschung.